Podcast-Tipp: Bürgerenergie einfach erklärt

Zwei Gäst:innen des Podcast lächeln in die Kamera vor einem blauen Hintergrund
Podcast-Gäst*innen: Carolin Dähling (links), Sebastian Sladek (rechts) // Fotos: EWS Schönau; GPE
Bürgerenergie bringt die Energiewende voran – direkt vor Ort und für alle. Die 16. Folge des Podcast „Strom Aufwärts“ holt zwei Expert*innen aus der Bürgerenergie-Bewegung ans Mikrofon. Carolin Dähling von Green Planet Energy und Sebastian Sladek von den EWS Schönau arbeiten für Bürgerenergie-Genossenschaften und sprechen darüber, wie Bürgerenergie funktioniert, warum sie demokratisch ist – und wie jeder mitmachen kann. Zwei Expert*innen, viele Ideen, echte Projekte.

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Was verstehst du unter Bürgerenergie?

Carolin Dähling, Green Planet Energy:

Bürgerenergie ist für mich all das, wo Menschen ganz konkret anfangen, sich in Energieerzeugung einzumischen. Zum Beispiel ein Windpark, der in einer Kommune gebaut wird und bei dem Bürger*innen vor Ort investieren und mitmachen können. Oder ein Mieterstromprojekt, bei dem Mieter*innen Solarstrom vom Dach nutzen können. Es kann auch die kleine Balkon-PV-Anlage sein. Der Charme an der Bürgerenergie ist, dass es unterschiedliche Formen und Möglichkeiten gibt, bei denen man unterschiedlich viel Zeit und Geld braucht. Und deswegen können eigentlich alle mitmachen. Das richtig Schöne ist, dass es auch niedrigschwellige Angebote gibt – zum Beispiel Mitglied in einer Genossenschaft zu werden, wie bei Green Plant Energy oder der EWS Schönau. Hier kann man mitmischen bei der Frage „wie soll eigentlich unsere Energie produziert werden und was kann man eigentlich selbst proaktiv dazu beitragen?“.

Sebastian Sladek, EWS Schönau:

Das würde ich alles unterschreiben! […] Für mich ist noch ein Aspekt wichtig: Ein gewisses demokratisches Grundprinzip. Deswegen zählt eine AG für mich nicht zur Bürgerenergie, weil da bestimmt die Größe des Geldbeutels. Aber das ist wie im alten Rom, das ist Zensuswahlrecht – wer mehr Geld hat, hat mehr zu sagen. Bei der Bürgerenergie sollte das nicht so sein, denn bei Genossenschaften ist in der Rechtsordnung verankert: Pro Kopf eine Stimme. […] Auch wenn Bürgerenergie nicht genossenschaftlich organisiert ist, ist das demokratische Grundprinzip ganz wichtig.

Wie kann man mitmachen bei Bürgerenergie?

Carolin Dähling:

Es ist wie wenn man sich ein neues Hobby sucht […]. Dann muss man erstmal gucken, wo stehe ich eigentlich gerade. Also, wie viel Geld habe ich? Wie viel Zeit habe ich, mich zu engagieren? Und ich finde, es ist auch völlig legitim, für sich selbst zu entscheiden: „Ich habe ein super volles Leben, ich habe viele Verpflichtungen- ich kann jetzt keinen Windpark mitbauen“. Je nachdem, wie diese Frage beantwortet ist, […] kann man unterschiedliche Wege gehen. Wir haben das Balkon-PV-Modul bereits angesprochen. […] Ich finde, der niedrigschwelligste Weg ist tatsächlich zu sagen, ich suche mir eine coole Genossenschaft, die ich gut finde, und kaufe da mal einen Anteil. Das ist eine super Einstiegsmöglichkeit […].

Was motiviert dich persönlich?

Sebastian Sladek:

Ich habe ganz viele Motivationseben. Eine ist ganz klar: Ich habe das ein Stück weit mit der Muttermilch aufgesogen. Also Tschernobyl 1986, da war ich 9 Jahre alt. Die EWS ist aus einer Bürgerinitiative hervorgegangen, die sich 1987 gegründet hat und dann zehn Jahre später endlich das Schönauer Stromnetz übernehmen konnte – nach zwei Bürgerentscheiden und einer großen Spendenkampagne. Das habe ich meine ganze Kindheit und Jugend mitbekommen. […] Was sich bei uns daheim ständig abspielte — du kommst aus der Schule heim, schon wieder sitzen da zwei fremde Leute und dann ist nur von Energie die Rede. […] Wenn ich dann jetzt das Thema Archäologie, mein Studium, nehme, da bin ich vielfach auf Komplexe gestoßen, wo die Menschheit an selbstgemachten Problemen gescheitert ist. […] Insofern hatte ich da ganz stark das Gefühl, das darf diesmal in der Dimension nicht wieder schiefgehen!

Ich habe selbst vier Kinder – auch das ist eine ganz entscheidende Motivation für mich. […] Selbst wenn ich heute noch nicht so betroffen bin, wir müssen doch an die Kinder und unsere Kindeskinder denken. […]

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Carolin Dähling:

Bürgerenergie ist ein bisschen im Mainstream angekommen. Auch die Politik sagt ja, Bürgerenergie ist etwas Tolles und das brauchen wir auch irgendwie. Aber so richtig der Wille, dafür etwas zu tun und den Menschen vor Ort zu helfen […], der fehlt. Und wir sehen auch jetzt in der Legislatur, es gibt positive Zeichen, zum Beispiel im Koalitionsvertrag. Aber das, was wir momentan aus dem Wirtschaftsministerium hören, geht leider nicht in Richtung Energiewende und Bürgerenergie. Sondern eher in Richtung: Wir schreiben jetzt mal ein paar Großkraftwerke aus und lassen die staatlich subventionieren und hoffen dann, dass ein paar Großkonzerne diese Gaskraftwerke bauen. Genau da sehen wir dann auch unsere Rolle darin zu sagen: Das ist leider keine Energiewende und das ist auch kein freier Markt und hat auch nichts mit demokratischer Energie zu tun, was ihr da macht.

Sebastian Sladek:

Vielleicht erinnert ihr euch, in den 90er Jahren gab es eine große Kampagne der vier großen Energieversorger: „Erneuerbare Energien werden nie mehr als vier Prozent zum deutschen Strombedarf beitragen können“. Heute sind wir bei 60 Prozent. An diesen 60 Prozent haben die vier Großen einen Anteil, der weit unter 50 Prozent liegt. Früher gehörte denen mal der ganze Erzeugermarkt. Das ist der Markt in der Prozesskette Erzeugung, Netzbetrieb, Verteilung. Der Markt, in dem man am allermeisten Geld verdient. Irgendwann haben sie schon gemerkt, ihnen gehen hier immer größere Stücke des Kuchens flöten und da steuern sie jetzt gegen.

Welches inspirierende Bürgerenergie-Projekt habt ihr miterlebt?

Sebastian Sladek:

Wir hatten in Schönau zwei Bürgerentscheide. Den zweiten haben wir ganz knapp gewonnen mit 52,5 Prozent und einer 90 Prozent Wahlbeteiligung. Schönau war 50-50 gespalten. Ein knappes Jahr später gab es hier ein Gemeinschafts- und auch Versöhnungsprojekt. Und zwar handelt es sich dabei um eine 50 kW PV-Anlage auf dem Kirchendach unserer evangelischen Bergkirche. […] Der Pfarrer war sehr willig mitzumachen. In dem Kirchengemeinderat waren auch viele Gegner der EWS. […] Da sagt das Landesdenkmalamt, […] „diese Kirche steht ab heute unter Denkmalschutz“. Bom! Nix PV-Anlage. Es war das Jahr 1998, 150 Jahre Badische Revolution. Überall im Land gab es Revolutionsfeiern. Daher haben wir an einem Sonntag ebenfalls einen kleinen Revolutionszug veranstaltet: […] Wir sind zu der Bergkirche hochgezogen und haben die ersten sechs Module einfach ohne Genehmigung aufgeschraubt und haben die Genehmigung dann am selben Tage aber noch bekommen. Das als ein Beispiel dafür, dass man sich ja auch nicht immer hemmen lassen muss.

Carolin Dähling:

Wir haben gerade ein Repowering-Projekt unseres Windparks. Repowering heißt alte Anlagen werden ersetzt durch neue. Und das macht total Sinn, weil wir natürlich in den letzten 15, 20 Jahren auch eine technologische Weiterentwicklung haben und neue Windenergieanlagen viel mehr Strom produzieren können als die alten. Das Schöne ist, den alten Windpark haben wir schon mit einer Bürgerenergiegesellschaft zusammen gemacht und den neuen machen wir jetzt auch mit denen zusammen. Wir arbeiten auch daran, die Vorteile des Stromtarifs an alle weiterzugeben, die in der Nähe wohnen und ihnen einen Benefit mitzugeben. Selbst wenn sie sich jetzt nicht in dieser Energiegesellschaft einbringen können. Das finde ich ist ein schönes Projekt, wo viel zusammenkommt, was gerade für die Energiewende wichtig ist.

Das gesamte Interview mit allen Fragen und Antworten von Carolin Dähling und Sebastian Sladek gibt es in der 16. Folge des Energiewende-Podcasts „Strom Aufwärts“ zu hören. Darin geht es außerdem um politische Rahmenbedingungen für Bürgerenergie, Ideen aus der Energiewende und kreative Mitmachmöglichkeiten.

Jetzt reinhören und mitdenken! Hier geht es zur Podcast-Folge.

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